Evangelische Kirchengemeinde
Sassenberg




Gnadenkapelle zum Heilsbronnen

   berichtet am Samstag, 25. Juli 2015:

Glockenanlage generalüberholt.
Satter Klang ersetzt eifriges Bimmeln




Im Umkreis von mehr als einem Kilometer kann Pastor Prien die Glocken der Gnadenkirche
jetzt per Fernbedienung steuern.Nach kompletter Sanierung der Glockenanlage haben die
drei Glocken der evangelischen Kirche einen weichen, volleren Ton erhalten.
Foto: von Brevern



Sassenberg - Der Sonntagmorgen in Sassenberg ist deutlich harmonischer geworden. Das liegt am Glockengeläut der evangelischen Gnadenkirche. Bislang wurde das volltönende, getragen klingende Geläut der katholischen Kirche St. Johannes Evangelist ergänzt durch ein eher eifrig anmutendes Bimmeln der evangelischen Glocken.
Von Ulrike Brevern

Seit Beginn der Ferien tönt nun ein ebenfalls satter, wohltönender Klang aus dem Dachreiter der kleinen Kirche hinter dem Rathaus.
Grund dafür ist die komplette Überholung der Glockenanlage, erklärt Pfarrer Michael Prien. Sowohl die Ketten und Seile, die die Glocken bewegen, als auch die gesamte elektrische Steuerung, die noch aus dem Jahr 1962 stammte, wurden ausgetauscht. Dabei wurden die Glocken so neu justiert, dass sie ihren Klang besser entfalten können.
In dem kleinen Dachreiter der Gnadenkirche finden drei Glocken Platz. Die aktuellen Glocken wurden im Jahr 1962 angeschafft und sind eigentlich ein bisschen zu groß geraten. Sie mussten daher in einer speziellen Art und Weise befestigt werden, die die Schwungweite der Glocken begrenzt, erläutert Prien.
Inzwischen war die gesamte Anlage allerdings soweit in die Jahre gekommen, dass die Glocken oft nur auf einer Seite und noch dazu sehr hart anschlugen. Der gesamte Glockenstuhl geriet dabei soweit in Bewegung, dass er ebenfalls wahrnehmbare Töne beisteuerte. „Jetzt sind die Glocken so eingestellt, dass sie nicht mehr ganz so weit schwingen“, erläutert Pastor Prien. „Dadurch schlägt der Klöppel viel sanfter gegen die Glocke. Das klingt viel weicher.“ Außerdem sei der Glockenstuhl dadurch weniger belastet.
Insgesamt 8800 Euro musste die Gemeinde für die Instandsetzung ausgeben. 1500 Euro davon spendete die Duisburger KD-Bank-Stiftung. Den Rest teilen sich Gemeinde und die gemeindeeigene Stiftung „Der Gute Hirte“.
Außer dem runderen Klang hat die neue Glockensteuerung der Gemeinde noch eine Neuerung eingebracht, die Pastor Prien zufrieden präsentiert: Per Fernsteuerung könnte er vom Altar aus die Glocken in Gang setzen, falls der Küster einmal ausfällt. Viel wichtiger aber: Die Fernbedienung hat eine Reichweite von 1,5 Kilometern. Bei Beerdigungen könnten die Kirchenglocken damit künftig direkt vom Grab aus in Gang gesetzt werden.
Sowohl vom Alten wie vom Neuen Friedhof aus funktioniert das einwandfrei, hat Pastor Prien inzwischen vorab getestet. „Ob die Glocken dort dann allerdings zu hören sein werden,“ so hat er festgestellt, „hängt stark von der Windrichtung ab.“

   berichtet am Dienstag, 09. Oktober 2012 2012:

60 Jahre evangelische Kirche

Jubiläum ist etwas ganz Besonderes




Vor 60 Jahren entstand die evangelische Gnadenkirche. Pfarrer Michael Prien und Kirchmeister
Gerhard Schütz feierten dies beim Kirchweihjubiläum am Sonntag. Foto: Lieber



Sassenberg - Fast auf den Tag genau ist es 60 Jahre her, dass die evangelische Kirche ihr Kirchweihfest feierte. Es war am 5. Oktober 1952, und so freute sich Pfarrer Michael Prien an diesem Sonntag über den runden Geburtstag. „Dieses Kirchweihjubiläum ist etwas Besonderes. Aber haben wir nicht gerade erst die 50 Jahre gefeiert?“, fragte Prien und machte deutlich, wie schnell die Zeit vergeht. Von Ulrich Lieber

Nach einem gemeinsamen Erntedankgottesdiensts hatte Prien ins evangelische Gemeindehaus zu einem kleinen Empfang geladen. In seiner Ansprache zeigte er auf, welche Aufgaben der Pfarrer in der Kirche hat. Es gebe viele Anlässe neben dem Sonntagsgottesdienst, und er zählte unter anderem Trauungen, Beerdigungen und Schulgottesdienste auf.
Die Kirche sei nach dem Zweiten Weltkrieg als ganz einfacher Kirchbau mit einfacher Ausstattung gebaut worden, denn damals seien viele Kirchen für die Vertriebenen errichtet worden. „Vor dem zweiten Weltkrieg gab es 36 evangelische Christen in Sassenberg, davon lebte einer in Füchtorf“, berichtete Prien. Das änderte sich dann schlagartig, so dass die Kirche notwendig wurde.
Helga Mai erinnert sich noch gut an die Zeit des Baus. „Ich war als Kind immer neidisch auf die katholischen Schüler, weil die eine tolle Kirche hatten.“ Sie sei damals elf Jahre alt gewesen und dann habe die Mutter gesagt: „Wir bauen eine Kirche.“ Und die Betonung habe auf „Wir“ gelegen. Das sei für alle Protestanten eine große Freude gewesen.
Pfarrer Prien zeichnete noch einmal den Weg der Kirche in den vergangenen 60 Jahren nach und berichtete von den zahlreichen Renovierungen. Zuletzt habe es auch einen neuen Anstrich und damit neuen Glanz gegeben. „Viel wurde dabei durch Spenden erreicht“, dankte er den Gemeindegliedern. Und es stehen noch weitere Arbeiten an, denn auch die Fenster müssen renoviert werden, da sie zu viel Wärme abgeben. „Im Winter bilden sich Eisblumen, so was hatten ich früher als Kind zu Hause“, schmunzelte Prien.
Passend zum Geburtstag hatte Gudrun Böttcher eine Fotoausstellung auf die Beine gestellt, die an die Zeit des Baus, aber auch an viele schöne Ereignisse in der Kirche erinnerte. Sie erläuterte die Fotos und lud dann zu einem Streuselkuchen nach altem Rezept ein. Als Überraschungsgast tauchte dann noch Martin Luther – alias Martin Lerchner – auf, der in Reimform seine Glückwünsche überbrachte. Gereimt hatte aber Eva Maria Schmitz, Lerchner trug es im Luther-Dress gekonnt vor. Zum Abschluss überreichte er Pfarrer Michael Prien einen Apfel, aus dessen Samen ein Apfelbaum gepflanzt werden soll.

berichtet am Mittwoch, den 3. Oktober 2012:

Einweihung am 5. Oktober 1952




Das Taufbecken, die Kanzel und der Altartischgehören
ebenfalls seit 60 Jahren zum festen Inventar der
Gnadenkirche. Das Bronzekreus hat die Stadt der
evangelischen Gemeinde zum 25-jährigen Bestehen geschenkt.
Bilder D. Reimann


Mit 5000 Mark Startkapital begann 1951
der Kirchenbau.




Sassenberg (dor). Die vier Bilder, die an der Wand in der Sakristei in grünen Rahmen hängen, zeigen die Pastöre, die in der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde bislang eine führende Rolle gespielt haben. Im fünften Bilderrahmen steckt ein Platzhalter. "Da kommt irgendwann ein Bild von mir hinein", sagt Michael Prien. Der Pastor, der die evangelische Kirchengemeinde seit 14 Jahren führt, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören. Mit seinen 49 Jahren hat er noch einiges vor, will mit der Gemeinde noch vieles begehen.

So auch das 60-jährige Bestehen der Gnadenkirche. Das wird am Wochenende - wie beim ersten Gottesdienst vor 60 Jahren - zeitgleich mit dem Ernte-Dank-Fest gefeiert.
Der fünfte Oktober 1952 war für die evangelischen Glaubensbrüder- und schwestern ein denkwürdiger Tag. Endlich hatten die Gottesdienste, die bis dato mangels eigener Räumlichkeiten in Volkschulen und auch in der Katholischen Kirche in Sassenberg gefeiert wurden, ein Ende, hatte die junge evangelische Gemeinde ein eigenes Gotteshaus. Wie Pastor Michael Prien in einem Pressegespräch mit der Glocke berichtete, war es vor allem der Initiative Pfarrer Lackners, der hier von 1947 bis 1960 gewirkt hat, zu verdanken, dass der Bau der eigenen Kirche Wirklichkeit wurde. Förderlich war auch das damalige Förderprogramm der Landeskirche, die den Bau preiswerter Kirchen unterstützt hat.
Mit der Verpflichtung zu umfangreichen Hand- und Spanndiensten begann dann im Spätsommer 1951 der Bau der Kirche, die eigentlich "Gnadenkapelle zum Heilsbronnen" heißt. Diese Bezeichnung hat sich aber nicht durchsetzen können. Schnell wurde aus diesem Namensungetüm die Gnadenkirche gemacht. Diese ist 60 Jahre nach ihrer Einweihung im wesentlichen erhalten geblieben, freut sich Pastor Michael Prien.

Bauarbeiter steuern das Holzkreuz zum Inventar bei

Sassenberg(dor)Wie er sagt, seien die Bänke, die Platz bieten für bis zu 180 Personen, noch aus der Anfangszeit. Auch die Kanzel, der Altartisch und das Taufbecken gehören seit den Anfängen zum Inventar der Gnadenkirche. Das große Holzkreuz, das ein Seitenarm der Kirche ziert, ist ebenfalls seit Anbeginn Bestandteil der Kirche. "Das haben die Bauarbeiter der Gemeinde geschenkt", weiss Pfarrer Prien zu berichten.
Erhalten geblieben sind bis heute auch die Kirchenfenster, die je nach Lichteinfall in den unterschiedlichsten Farben schimmern. Aus energetischen Gründen und zu ihrem eigenen Schutz sollen diese in den nächsten zwei Jahren mit einer Schutz- und Isolierverglasung versehen werden.
Eine weitere nicht wegzudenkende Preziose auf dem Altartisch ist das Bronzekreuz. Das schenkte die Stadt der Gemeinde zum 25-jährigen Bestehen der Kirche. Für Prien ist das Kreuz auch ein Symbol für die guten Beziehungen, die die evangelische Gemeinde mit der Stadt seit jeher pflegt. Vor zwei Jahren erhielt der Innenraum der Kirche einen neuen Anstrich. Die ehemals dunkelbraunen Balken und Leibungen der Fenster sind einem freundlichen taubenblau gewichen. "Die Kirche kann in Anlehung an das Envangelium, das lebensfördernd und lebensbejahend ist, ruhig ein heller Raum sein",freut sich Prien über die warme Atmosphäre, die das Gotteshaus ausstrahlt. Und klanglich können sich die Gottesdienstbesucherseit zwei Jahren über die Klänge einer digitalen Orgel freuen. Der Holzwurm hatte dem alten Holzinstrument den Garaus bereitet.
Die Gnadenkirche, die heute fast ausschließlich dem Gottesdienst und der Andacht gewidmet ist, war lange Jahre das Zentrum des Gemeindelebens. In der Kirche fand der Konfirmandenunterricht statt - oben auf der Empore stand gar eine Tischtennisplatte -, Bastel-, Frauen- und Kindergrupen kamen ebenfalls in der Kirche zusammen. Räumliche Entlastung boten der Anbau, der im Jahr 1960 errichtet und 1986/87 erweitert wurde sowie der Bau des evangelischen Gemeindehauses im Jahr 2000.
Während die Krabbelgruppen, der Konfirmandenunterricht und der Bastelkreis im Gemeindehaus stattfinden, ist das Pfarrbüro, das zuvor im Haus des Pfarrers geführt wurde, in den Anbau umgezogen. Hier findet auch der Konfirmandenunterricht für die Drittklässler statt. "In die Umbau- und Anbaumaßnahme ist ganz viel ehrenamtliches Engagement geflossen", freut sich Prien.
Ehrenamt wird in der Gemeinde überhaupt groß geschrieben. Alfred Scholz schmiert mit seinen 80 Jahren immer noch die Kirchturmglocken, Eva-Maria Schmitz sorgt für den schönen Blumenschmuck auf dem Altar und Willy Szameitat pflegt die Beete und die Rasenflächen. Das Amt des Küsters teilen sich Willy Szameitat, Martin Lerchner, Elke Ulbrich, Gerhard Schütz, Klaus Krupphöller, Frau Ingrid Zander und Frau Lydia Lauer. Sie alle werden beim Jubiläum und beim Ernte-Dank-Fest am 7. Oktober auf jeden Fall mit von der Partie sein. Nach dem festlichen Gottesdienst sind alle Gemeindemitglieder herzlich auf einen Plausch ins Gemeindehaus eingeladen.



Pfarrer Michael Prien präsentiert hier
die Liste seiner Vorgänger.


Im Jahre 2000 wurde das evangelische Gemeindehaus eingeweiht.


Vieles in der Gnadenkirche hat seit dem Eröffnungsgottesdienst vor 60 Jahren
Bestand. So zum Beispiel die Kirchenbänke und die Kirchenfenster, die noch
den Originalzustand aufweisen.


Am 5. Oktober 1952 wurde die Gnadenkapelle zum Heilsbronnen - so der eigentliche Name der Gnadenkirche - feierlich eingeweiht. Die Aufnahme zeigt eben jenen Tag.



Festlich geschmückt erwartet die "Evangelische Gnadenkapelle zum Heilsbronnen" am 5. Oktober 1952
Ehren- und Zaungäste zur Einweihung.


Kaffee, Tischtennis und individuelle Besinnlichkeit
Die Gnadenkapelle hat in 60 Jahren schon einiges gesehen Es muss schon ein ganz besonderer Tag gewesen sein, jener 5. Oktober 1952. An diesem Sonntag konnten die Evangelischen aus Sassenberg, Füchtorf, Greffen und damals auch noch Milte nicht nur für die gelungene Ernte danken (die zumeist nicht die eigene, sondern die heimischer, katholischer Bauern war). Endlich hatte die noch junge Gemeinde, die überwiegend aus Heimatvertriebenen und Flüchtlingen bestand, eine eigene Heimstatt: nach nur einjähriger Bauzeit wurde die Gnadenkapelle in Sassenberg feierlich eingeweiht. Genau 60 Jahre ist das jetzt her.
Pfarrer Lackner lässt nicht locker
Die Zeiten unmittelbar nach dem Krieg waren hart gewesen, aber es war dem engagierten Pastor Erich Lackner, ehemaliger Pfarrer in Königsberg/Ostpreußen, gelungen, in Warendorfs Norden eine rührige kleine Gemeinde zu sammeln. Was fehlte, waren eigene Räume. Gottesdienste fanden in Klassenräumen oder in der katholischen Kirche statt. Der Wunsch nach einem eigenen Versammlungsraum für das aufkeimende Gemeindeleben wuchs.
Da kam Anfang der 50er Jahre mit dem "Diaspora-Bauplan" der Landeskirche ein verlockendes Angebot. Der Bau preiswerter Kirchen sollte unterstützt werden, berichtet Winfried Böttcher, ehemaliger Pfarrer in Sassenberg. Es gab eine Art Masterplan für die Gotteshäuser, der die Planungskosten gering hielt. "Darum sehen sich unsere Kirche und die in Freckenhorst und Everswinkel auch ähnlich", schmunzelt Böttcher.
Die Stadt Sassenberg, insbesondere Amtsdirektor Storp, unterstützte die Evangelischen und kaufte Frau Ottmann ihren Grund und Boden hinter der Amtsverwaltung ab. Die Gemeinde erhielt das Grundstück zunächst in Erbpacht, erst viel später konnte sie es dann auch kaufen.
Mit 5000 Mark Grundkapital und vor allem der Verpflichtung, umfangreiche Hand- und Spanndienste zu leisten, begann im Spätsommer 1951 der Bau.



Von Beginn an volles Haus. Die Gäste der Grundsteinlegung kann der Rohbau der
Kirche am Erntedank 1951 kaum lassen.


In feierlicher Prozession zur eigenen Kirche
Auf den Bildern von der Einweihung ist zu sehen, mit wie viel Liebe die Gemeinde ihre neue Kirche ein Jahr später zur Einweihung geschmückt hatte. Fahnen flatterten, ein Kranz schmückte den Eingang. Nach einer Andacht in der katholischen Kirche zog die Festgemeinde in einer feierlichen Prozession zum eigenen Gotteshaus, berichtet die "Glocke" am 7. Oktober 1952 vom Kirchweihfest. Oberkirchenrat Niemann hielt die Festpredigt. Bei Grothus ließ die Gemeinde dieses besondere Erntedankfest mit einem großen Fest ausklingen.
Katholische Beihilfe
Die Gemeinde hatte aber auch Grund froh und dankbar zu sein. Von vielen Seiten war Unterstützung gekommen, auch von katholischer. So finden sich katholische Namen in der Liste der Spender, aber auch der katholische Pfarrer musste ran: Als es daran ging die Steine mit dem eingemeißelten "Sola fide" über dem Eingang zu verbauen, fühlten sich die Bauarbeiter reichlich überfordert: In welche Reihenfolge gehörten die fremdsprachigen Wortblöcke? Da Pastor Lackner nicht greifbar war, wandten sie sich an den katholischen Pastor, der bei der richtigen Zusammensetzung der reformatorischen Kernthese bereitwillig aushalf.
Nah am Wasser
Den etwas sperrigen Namen der Kirche "Evangelische Gnadenkapelle zum Heilsbronnen" hatte Pfarrer Lackner in Erinnerung an seine Wirkungsstätte in Königsberg gewählt (diese "größere Schwester" hieß allerdings "Kirche"). Der Wandspruch über dem Taufbecken - "Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle" (Psalm 65, Vers 4) - nimmt den Namen wieder auf. Das Holzkreuz an der selben Wand, spendeten die am Bau beteiligten Handwerker.
Auch die Beleuchtung hatte ursprünglich etwas mit Wasser zu tun: Der sechsarmige Holzleuchter, der die Kirche eher schlecht als recht ausleuchtete, war einem Schiff nachempfunden. "Der Leuchter war etwas zu klein für den Raum, darum war es immer etwas dunkel", erinnert sich Erika Scholz, langjährige Küsterin der Kirche. Durch eine großzügige Spende Ende der siebziger Jahre konnten die heutigen Glaskugelleuchter gekauft werden. Sie sind viel heller, "dafür mussten wir zweimal im Jahr auf die Leiter, um sie ordentlich putzen zu können", lacht Scholz.



Eine Lieferung Dachbalken. Vor 60 Jahren kam dafür noch eine Pferdefuhrwerk zum Einsatz.


Weil das Geld knapp war, wurde nicht nur beim Bau, sondern auch bei der Einrichtung nach eigenen Ressourcen gesucht. So waren Altarbehänge und Antependien von Frauen der Frauenhilfe der Gemeinde selbst angefertigt.
Kunst vom Nachtschrank
Auch die Schnitzarbeiten an der Kanzel stammen "aus eigenen Reihen". Die Darstellung der Evangelisten hat Klaus Ring geschaffen. Das besondere daran: Der Künstler war damals selbst noch Schüler am Warendorfer Laurentianum. Über seine Mutter Karoline, die jahrelang Flüchtlingshelferin in der Gemeinde war, kannte Pfarrer Lackner sein Talent und bat um Entwürfe. Ring erinnert sich noch gut an seine primitiven Arbeitsbedingungen. Die Lindenholzplatten, aus denen er die Symbole schnitzte, hatte er in Ermangelung einer Werkbank mit Schraubzwingen an einem alten Nachtschrank befestigt. Dass die Kunstwerke nach Eiche aussehen, verdanken sie der Beize, die die ganze Kanzel nach der Montage erhielt.
Der gläserne Zeppelin
Die Gemeinde war dankbar für ihre Kirche, aber auch nicht unkritisch: das Glasfenster über dem Altar, das Jesus mit Symbolen des Alten und des Neuen Testaments zeigt, erschien vielen- obwohl das künstlerisch wertvollste Stück - als zu modern. Die Darstellung des Heiligenscheins wurde heimlich als "Zeppelin" verspottet. Heute verschwindet der ein wenig im Schatten, seit vor wenigen Monaten von außen ein Isolierfenster angebracht wurde, um Glasfenster und Wand vor Witterungseinflüssen zu schützen.
Ein Kruzifix auf Wanderschaft
Das Bronzekreuz mit Bergkristall, auf das die Gottesdienstbesucher heute schauen, hat die Einweihung nicht miterlebt. Die Stadt Sassenberg hat es der Gemeinde zum 25. Jubiläum geschenkt. Zur Einweihung schmückte ein Kruzifix den Altar; das später in die Sakristei wanderte. Seit den neunziger Jahren schauten die Gottesdienstbesucher im Immanuel-Haus darauf, ehe es nach Schließung des Hauses in diesen Tagen in die Kirche zurückgekehrt ist.




Hoch hinaus: Renovierungsarbeiten wie hier an den Fenstern werden
in den kommenden Jahren wohl zunehmen. Foto: Prien


Kirchenleben im Wandel
Die Gnadenkapelle hat sich in den vergangenen 60 Jahren so verändert, wie sich die Gemeinde verändert hat. Anfangs war die Kirche einziger Raum überhaupt. Wollte die Gemeinde feiern, wurden die Kirchenbänke herausgeräumt, um Platz für Tische und Stühle zu machen. (Die Kirchenbänke sind daher auch aus leichtem Holz.) Jede Form der Gemeinschaft, ob Gottesdienst, Feier oder Gruppenstunde wurde in der Kirche gelebt.
Erst später erhielt die Kirche für Gemeindeveranstaltungen einen kleinen, noch einmal erweiterten Anbau. Die Jugend blieb jedoch noch lange in der Kirche. Sie hatte Platz auf der Empore gefunden, die irgendwann eine klappbare Holzwand zum Kirchenraum hin erhielt. Eine Tischtennisplatte sorgte jahrelang für Entspannung nach dem Konfirmandenunterricht.
Der Bau der Gemeindehäuser machte Schluss mit dem Platzmangel der Gemeinde. Mit wenigen Ausnahmen ist die Gnadenkirche heute vollständig dem Gottesdienst und der Andacht gewidmet.
Als der Farbanstrich 2010 erneuert wurde, erhielt der Kirchenraum eine frischere Innenfarbe: Die Kontrastfarbe wechselte von dunkelbraun in ein helles taubenblau. Deckenstrahler sorgen für gute Ausleuchtung. Eine digitale Orgel hat das Holzinstrument von 1954 ersetzt, in dem sich der Holzwurm eingenistet hatte. Zum Gemeindefest 2009 kam die Idee auf, in der Kirche die Gelegenheit anzubieten, Fürbitten niederzuschreiben und eine Kerze anzuzünden. Inzwischen ist daraus eine feste Einrichtung mit einem eigenen Tisch geworden. In der Passions- und Adventszeit sorgen Ehrenamtliche dafür, dass die Kirche tagsüber offen ist und zur Besinnung einlädt. (UvB)
"Der Gute Hirte" Ausgabe 4/2012



Gnadenkirche




"Evangelische Gnadenkapelle zum Heilsbronnen", so lautet der offizielle, vielleicht etwas sperrige Name der kleinen evangelischen Kirche in Sassenberg; Gnadenkirche, evangelischen Kirche oder einfach Kleine Kirche - im Unterschied zu der ortsbeherrschenden, katholischen Kirche Johannes Evangelist - so nennt sie der Volksmund.

Wurzeln

Ihren Namen genauso wie ihre Existenz verdankt die Kirche den Flüchtlingsströmen der Nachkriegszeit. Nach Kriegsende zählte die kleine Diasporagemeinde Warendorf, die auch das Gebiet der heutigen Gemeinde Sassenberg umfasste, knapp eintausend Gemeindeglieder. Nachdem um Ostern 1946 die ersten Flüchtlingstransporte aus Schlesien in Warendorf eingetroffen waren, stieg diese Zahl sprunghaft. Im Pfarrbezirk Sassenberg entwickelte sich bald ein reges Gemeindeleben. Der Pfarrbezirk umfasste die Stadt Sassenberg, die Dörfer Füchtorf, Greffen und Milte und die Bauernschaften Elve, Twilligen, Subbern, Rippelbaum, Gröblingen und Dackmar. Insgesamt war der Bezirk etwa 170 Quadratmeter groß; in ihm wohnten rund 1.600 Gemeindeglieder. Der Pfarrer selber, Erich Lackner, war Flüchtling aus Königsberg.

Der Weg zur Kirche

Für die Gottesdienstfeier war die Gemeinde zunächst in allen vier Hauptorten in Schulen zu Gast. Zu Beginn der 50er Jahre konnte dann der Wunsch nach einer eigenen evangelsichen Kirche mit Hilfe des "Diaspora-Bauplanes" der Landeskirche in die Tat umgesetzt werden. Mit einem Grundkapital von 5.000 DM und der Bereitschaft vieler Gemeindeglieder, Hand- und Spanndienste zu leisten, konnte die Gemeinde am 11. November 1951 auf dem Grundstück an der Schückingstraße mit dem Bau beginnen.

Nachbarschaftshilfe

Viele katholische Mitchristen unterstützen durch Geldspenden oder Mitarbeit den Kirchenneubau. Der Rat der Stadt Sassenberg (damals noch Amt Sassenberg) stellte das Grundstück, gebunden an den Bau einer Kirche, zunächst in Erbpacht zur Verfügung. 1964 konnte die Gemeinde es dann für den Preis von einer Mark pro Quadratmeter von der Stadt kaufen.

Einweihung

Am 20. Oktober 1951 wurde der Grundstein für den Kirchenbau gelegt und knapp ein Jahr später, am Erntedankfest (5. Oktober) 1952, wurde das Gotteshaus geweiht. Für den Namen stand die gleichnamige Gnadenkirche in Königsberg Pate, an der Sassenbergs erster Pfarrer Lackner vor und während des Krieges Dienst getan hatte.